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"Der Prozess" von Theodor Storm

Es hatten einmal zwei Nachbaren eine Sache wider einander, wie das ja auch vorkommt. Ein Prozeß ist aber darin wie ein wahrer Hausbrand, daß er oft wie ein unschuldiger Funke anfängt, der durch Unvorsichtigkeit irgendwo hingerathen ist. Sobald der Funke zu sehwälen und Qualm zu machen beginnt, werden die Fenster geöffnet, d. h. beim Prozeß die Sache wird ruchbar und der ganze Ort theilt sich in zwei Heerlager. Nun kommt frischer Wind hinein, d. h. lauter Leute aus dem einen Heerlager sagen: "Das ist greulich! Das mußt Du Dir nicht gefallen lassen! Hat er Geld zum Prozessen, so bist Du doch auch kein Lump!" - Kein Sterbenswort davon, daß vielleicht die andere Parthei etwas, wenn auch nur ein Tüttelchen von Recht haben könnte: - daran denkt Niemand. Endlich kommt noch so oft der Advocat hinzu mit einem künstlichen Blasebalg und in wenig Jahren hat der Prozeß Haus und Hof verzehrt. - Die beiden Nachbaren, von denen hier erzählt wird, sollten denn auch zum Termin, um ihre Sache vorzubringen und das gerichtliche Urteil zu hören. Da sagt A. zu B, es wäre ihm nicht möglich zu kommen von wegen anderer wichtigerer Geschäfte. Ein rechter Prozeßmann hat freilich keine wichtigeren Geschäfte. Da aber B. die ganze Sache, um die sie streiten, eben so gut wie A. von beiden Seiten kennt und sie nur ungewiß sind, auf welcher Seite das Recht erwa stecken möchte, Was ungelehrte Leute ja oft mit dem besten Willen nicht herausfinden können, so meint A., Nachbar B. werde schon die Sache allein ebenso deutlich machen, als wenn sie beide da wären, bittet denselben daher, seine- Sache mit auszurichten. Wo es so steht, wer möchte da nicht gern Richter seyn! Am Abend nun kommt B. vom Termin zurück, geht gleich nach A. und läßt sich bei dem auf seinen gewohnten Platz nieder mit den Worten: .Gratuliere, Du hast die Sache gewonnen! "War ihm also der Nachbar lieber, als der gewonnene Prozeß, heutzutage giebt es absonderlich in großen Städten Leute, die ihren Wandnachbaren nicht einmal - kennen.